Werden wir Deutschen immer prüder?

Aktualisiert: Okt 6


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Das ist ein Thema, das offenbar viele umtreibt. Fast bei jeder zweiten Diskussion über Sexualität fällt irgendwann der Satz: „Wir werden immer prüder.“ Ob das objektiv betrachtet stimmt, werde ich hier mal versuchen zu analysieren. Fest steht aber, dass ziemlich viele Menschen das GEFÜHL haben, dass es so ist. Bei meiner Umfrage auf Facebook und Instagram, an der fast 1000 Menschen teilgenommen haben (übrigens noch einmal vielen Dank an dieser Stelle), haben 84 % von euch für „Ja, unsere Gesellschaft wird immer prüder“ gestimmt. Und immerhin 77 % aller Teilnehmenden hatten den Eindruck, dass die jungen Menschen immer prüder werden.

Interessant an der Umfrage waren auf jeden Fall eure Antworten auf die Frage nach den Gründen für eine vermeintlich zunehmende Prüderie, und um die soll es heute gehen.

Mal abgesehen davon, dass mal wieder Frau Merkel und der Klimawandel „schuld“ daran sind, dass wir immer prüder werden (-also Leute, mal ehrlich, ich bin keine CDU-Wählerin, aber Angela Merkel ist nicht an allem schuld), gab es doch ein paar Antworten, bei denen es sich lohnt, mal einen näheren Blick darauf zu werfen.


Kommen wir mal zur ersten Aussage: „Fehlgeleiteter linker Pseudo-Feminismus“ ist schuld.

So so. Wir alle kennen ja noch zum Beispiel die PorNO Kampagne von Alice Schwarzer aus den 80ern. Und ich muss zugeben, für meine Freundinnen und mich waren damals auch alle Emanzen alte verbitterte Frauen, die keinen Sex hatten und auch keinen wollten. Aber 1. haben wir den Frauenrechtlerinnen der ersten Stunde wahnsinnig viel zu verdanken,

und zweitens hat sich auch der Feminismus weiterentwickelt. Viele Feministinnen bezeichnen sich heute bewusst als sex-positive. Den meisten Feministinnen geht es ja beim Thema Sex nicht darum, die Männer in ihrer Lust zu beschneiden, sondern die Frauen zu ermutigen, ihre eigene Sexualität zu entdecken und auszuleben.

Einer von euch hat zu dem Thema noch geschrieben: „Es wird gegen Bodyshaming angegangen (was richtig und wichtig ist), aber wehe man macht einer Frau Komplimente für ihr Aussehen oder Körper, dann ist man ein Sexist.“

Dieses Argument habe ich schon von vielen Männern gehört. „Man traut sich gar nicht mehr, einer Frau Komplimente zu machen, aus Angst vor einer Anzeige wegen sexueller Belästigung.“ Ich will hier keine Spaltung zwischen den Geschlechtern vorantreiben. Ist auch nicht nötig, weil die vielen Partnerschaften, die es ja trotzdem gibt, zeigen, dass es geht. Und ich glaube nicht, dass ein Mann als ein Sexist dargestellt wird, wenn er ein respektvolles Kompliment macht. Es ist ein großer Unterschied, ob jemand sagt: „Das steht dir gut“ oder ob Männer einem hinterherpfeifen und rufen „Ey, haste Bock? Isch will disch ficken!“

Frauen wird oft indirekt oder direkt vorgeworfen, sie seien ja selbst schuld daran, dass sie angebaggert oder sogar vergewaltigt würden, weil sie sich wie eine Schlampe anziehen würden. Was sollen wir jetzt also machen? Uns nicht mehr sexy anziehen? Hat ja mal ernsthaft ein kanadischer Polizist den Studentinnen in Toronto geraten: "Frauen sollten sich nicht wie Schlampen kleiden, um nicht schikaniert zu werden" Das hat verständlicherweise für Empörung gesorgt, und daraufhin haben viele Frauen weltweit die sogenannten Slutwalks, also die Schlampen-Märsche, organsiert.

Dazu kann ich nur sagen: Ich müsste theoretisch nackt durch die Stadt laufen dürfen, ohne dass mich irgendjemand angrapscht oder mich wie Freiwild behandelt. Ich zeige mich gerne nackt, weil ich gerne angeSCHAUT werde.

Das gleiche passiert aber übrigens auch Männern. Sexismus taucht gegenüber allen Geschlechtern auf. Mir hat mal ein männliches Fashion-Model erzählt, dass er sich manchmal von den Frauen in seinem Business wie ein Stück Fleisch behandelt fühlt und schon öfter offensiv angebaggert wurde. Auch er erhält manchmal private Nachrichten von Frauen, in denen so was steht wie: „Kann man dich auch als Nacktmodel buchen?“

Da ist es irgendwie kein Wunder, wenn Menschen vorsichtiger werden, was sie anziehen oder wie sie sich geben. Das hat allerdings nichts mit Prüderie zu tun, sondern eher mit Mangel an Respekt oder mit Slutshaming.

Der GYNCAST Podcast des Tagesspiegels hat auf dessen Facebook-Seite mal eine Studie veröffentlicht, nach der „jeder 4. Deutsche immer noch denkt, dass eine Frau nicht mehr als 5 Sexpartner*innen gehabt haben soll.“

Geil, oder? Wenn Frauen nämlich ganz offensichtlich Spaß am Sex haben oder sogar Sex mit wechselnden und mehreren Partnern oder Partnerinnen haben, dann werden sie immer noch als Schlampen bezeichnet. Ein Mann wäre dann ein Held.

Fakt ist: Die Sexualisierung von Bildern und Menschen begegnet uns überall. Und vielleicht führt diese ständige Verfügbarkeit inzwischen auch zu einer gewissen Sexmüdigkeit. Haben zumindest auch ein paar von euch geschrieben.


Aber über Sex wird immer noch nicht offen gesprochen. Natürlich meine ich damit nicht, dass wir alle jetzt unser privates Sexleben öffentlich ausbreiten sollen. Das ist Quatsch. Aber zumindest mit unseren Sexpartnerinnen und Partnern sollten wir ehrlich darüber sprechen können. Ich sage immer, dass es mein Ideal wäre, wenn wir miteinander über Sex reden könnten wie über das Essen. Wir sagen ja zum Beispiel auch, dass wir irgendeinen Käse nicht mögen oder Kartoffelsalat super finden, aber bitte den mit Mayo und Ei und Gürkchen und nicht den bayerischen – oder umgekehrt. Und genauso müssten wir über Sex reden können.

Und damit wäre auch das Problem gelöst, das manche Männer umtreibt, nämlich dass sie sich inzwischen schon nicht mehr trauen, zu flirten oder einer Frau ein Kompliment zu machen. Wenn ihr euch nicht sicher seid, ob etwas gewünscht ist, fragt einfach. Das ist gar nicht so blöd, wie es jetzt vielleicht klingt. Ich habe schon als Studentin erlebt, dass manche Männer einfach gefragt haben: „Darf ich dir mal ein Kompliment machen?“ Dann habe ich entweder JA gesagt, oder NEIN, wenn der Typ so ein Schmierlappen war.

Natürlich muss man damit rechnen, dass man sich eine Abfuhr einfängt oder auch mal ein Nein zu hören bekommt, wenn man fragt. Dann kann man aber auch ganz sicher sein, dass der oder diejenige, die man gefragt hat, es vermutlich noch viel schlimmer gefunden hätte, wenn man einfach irgendetwas gemacht hätte, ohne zu fragen. Und wenn wir fragen, bleiben wir auf der sicheren Seite. Und vielleicht wird dadurch sogar unser Sexleben schöner.

Woran liegt es nun also, dass wir vermeintlich immer prüder werden?

Ein paar von euch meinten, dass die Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturen der Grund dafür wäre. Oder eine immer konservativer werdende Religiosität.

Auch hier möchte ich nicht die Spaltung der Gesellschaft vorantreiben. Die meisten Menschen, die zu uns kommen, sind echt dankbar dafür, von unserer Gesellschaft aufgenommen zu werden. Und viele fliehen ja gerade vor dem radikalen IS oder den Taliban, also Systemen, die Frauen so gut wie alle Rechte nehmen wollen. Man muss echt stark differenzieren zwischen radikalen Fanatikern und den „normalen“ Gläubigen. Wir können ja auch nicht sagen, alle Katholiken sind prüde, nur weil es katholische Schulen gibt, in denen Mädchen in Säcke gesteckt werden, wenn sie mit einem Top mit Spaghetti Trägern oder mit kurzen Röcken in die Schule kommen.



Oder alle Protestanten sind Puritaner, weil es in den USA und in manchen lateinamerikanischen Ländern immer mehr Evangelikale gibt, die fordern, dass die Evolutionslehre nach Darwin durch die Schöpfungslehre der Bibel ersetzt werden soll.


Ich respektiere jeden Menschen für seinen Glauben, aber Religion und Glaube sollten Privatsache sein und nicht auf die Gesetzgebung unseres Landes einwirken dürfen.

Um aber die Frage zu beantworten, ob unsere Gesellschaft immer prüder wird, müsste es ja erst einmal eine Zeit gegeben haben, in der wir überhaupt schon frei und respektvoll mit unserer eigenen Sexualität und der Sexualität anderer Menschen umgegangen sind. Und so eine Zeit gab es bisher noch nicht.

In Deutschland zum Beispiel fand die erste Gay Pride Parade erst 1979 statt. Und erst 1994 wurde der Paragraf 175 abgeschafft, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte.

Ich bin bei meinen Recherchen übrigens auf ein Buch aus den 90ern gestoßen, „No Sex: Die neue Prüderie in Deutschland“ von Jürgen Stark. Wenn ihr das lest, werdet ihr mit den Ohren schlackern. Noch 1996 sind Polizisten in über 400 deutsche Buchhandlungen eingefallen, um „pornografische“ Literatur zu beschlagnahmen. 1988 landeten zwei schwule Verleger vor dem Berliner Amtsgericht, weil sie angeblich pornografische Literatur verbreitet hatten. Dabei handelte es sich unter anderem um Bücher von Oscar Wilde und Jean Cocteau. Und um Reiseführer.

Ich weiß nicht, ob es da so einen großen Unterschied zu heute gibt. Was sich allerdings tatsächlich verändert hat, ist unser Umgang mit Nacktheit. Und da finde ich schon, dass wir prüder geworden sind. Also prüder im Sinne von: „übertrieben schamhaft dem eigenen Körper gegenüber“. Dazu habt ihr ja einiges geschrieben:

„Die 70 er und 80 er Jahre, was war das für eine entspannte und tolerante Zeit…ich war dabei!“

„Ganz klar: die Gesellschaft wird immer prüder. Wenn ich auf die 80er oder auch noch den Anfang der 90er zurückblicke – da war es doch sehr viel freier. Dein berühmtes „free the nipple“ war eher normal. Oben ohne am Strand oder beim Baden war keine Besonderheit. Aber was ist der Unterschied zu heute? 2 Dinge:

a) Der Mensch muss perfekt sein

b) Handys lauern überall

So, hier kommen wir zu dem Punkt, der mir und auch euch doch der Hauptgrund für eine zunehmende Prüderie zu sein scheint: die Sozialen Netzwerke. Das war mit Abstand eure meist gegebene Antwort.




Erstens stellen die Sozialen Netzwerke letzten Endes eine Fake Welt dar. Menschen zeigen sich meistens nur von ihrer schönen Seite, oft mit Hilfe von Filtern, und das ist natürlich etwas, das sich in der Realität nicht aufrecht halten lässt, besonders nicht nackt. Da kannste dir keinen Bauch mehr wegretuschieren oder die Orangenhaut schnell noch durch irgendeinen Filter jagen.


Und zweitens musst du heutzutage ja wirklich immer fürchten, dass irgendjemand dich heimlich filmt und das ins Netz stellt. Das hat auch einer von euch auf den Punkt gebracht:

„Durch die Sozialen Netzwerke ist es auch viel leichter, andere Menschen zu diskreditieren. Einmal ein falsches Bild gepostet, mit der falschen Person einen intimen Chat gehabt, und zack, geht es an den Arbeitgeber, die Kunden, die Nachbarn usw. Das bewegt dann auch lockere Menschen dazu, vorsichtiger zu sein.“

Ich persönlich bin total froh, noch in einer analogen Zeit aufgewachsen zu sein. Wir haben als Jugendliche echt viel ausprobiert und auch viel Scheiße gebaut, aber wir wurden dabei auch noch nicht ständig gefilmt. Ich habe mich neulich mit einer Gruppe junger Menschen zwischen 16 und 25 Jahren unterhalten, und die meinten, dass sie nicht glauben, die Jugendlichen seien heute prüder, sondern sie wären einfach vorsichtiger. Nicht alle – es gibt auch eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Jugendlichen, die schon sogenannte Nudes verschickt haben, aber die meisten sind schon vorsichtiger, wem sie was erzählen. Es kann ja alles im Internet landen, bei Instagram erzählt werden, bei TikTok hochgeladen werden usw.

Wie können wir alle nun mit dieser Realität umgehen? Es gibt nur eine Antwort:

Mit Respekt. Mit Respekt vor der Privatsphäre anderer Menschen, mit Respekt vor deren sexuellen Vorlieben und auch mit Respekt gegenüber einem Nein.

Und mit Mut.

„Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s herrlich ungeniert.“ (Zitat zweifelhafter Herkunft. Wird entweder Wilhelm Busch oder Bertold Brecht zugeschrieben.)


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Quellen:

https://www.facebook.com/Tagesspiegel/posts/10157230164741493

No sex: die neue Prüderie in Deutschland von Jürgen Stark, Rowohlt Sachbuch

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