Schubladendenken oder warum meine Schublade heute leer bleibt


Gestatten: Antje, Mensch.

Ich finde, das ist eine schöne Weise, sich einander vorzustellen.

Denn viel zu oft definieren ja nicht wir selbst, wer wir sind, sondern wir WERDEN definiert, und zwar durch einen ganzen Kanon an Klassifizierungscodes, den unsere Gesellschaft dafür bereithält.

Schon als Kinder wurden wir in Kategorien eingeteilt. Wir waren entweder „aufgeweckt“ oder „schüchtern“, „fleißig“ oder „faul“, und im Klassenzimmer wurden die Rollen verteilt wie in der Commedia dell’arte: da gab es die Nerds, den Außenseiter (war in meiner Kindheit immer ein Junge), den Klassenclown (auch ein Junge), die Schönheit, die Streberfraktion, die Sportasse, die Deppen, die „Versauten“…

Und schon steckten wir in Schubladen fest, aus denen wir kaum noch herauskamen. Selbst, als der Klassenclown schon lange keine Witze mehr machte, sondern anfing, richtig harte Musik zu hören und mit Metalheads herumzuhängen, blieb er der Klassenclown, den niemand so richtig ernst nahm.

Aber ist euch das auch schon einmal aufgefallen? Mit zunehmendem Alter fangen wir seltsamerweise selber an, uns zu beschränken, und zwar auf das, was wir MACHEN ( - nie auf das, was wir SIND). Die erste Frage, die wir gestellt bekommen oder selber stellen, sobald wir uns einem fremden Menschen vorgestellt haben, ist üblicherweise: „Und, was machst du so?“

So wurde in meinem Fall aus „Antje, Architekturstudentin“, „Antje, Schauspielschülerin“ und „Antje, Schauspielerin“ irgendwann „Antje, die Nacktnonne“, zumindest in der Öffentlichkeit. Um das gleich vorneweg zu sagen: ich mag den Titel. Nacktnonne klingt lustig. Und zumindest DIESER Titel hat etwas mit meinem Sein zu tun.

Denn es ist wahr, ich zeige mich gerne nackt. Weil ich exhibitionistisch veranlagt bin. Das ist meine Sexualität, und das Erkennen unserer eigenen Sexualität liefert uns auf jeden Fall schon mal EINE Möglichkeit, uns zu definieren.

Aber auch wenn manche Menschen sich so benehmen: Sexualität ist nicht alles im Leben. Warum ich mich so intensiv mit Sexualität beschäftige, hat einen ganz einfachen Grund: Sexualität ist eine starke Kraft, und ich glaube, dass wir auch in anderen Bereichen des Lebens leichter zu uns stehen können, wenn wir gelernt haben, unsere ureigene Sexualität zu erkennen, zu akzeptieren und zu kommunizieren.

Deswegen sage ich es immer wieder, und zwar so lange, bis es niemanden mehr juckt, weil es „normal“ geworden ist: Ich zeige mich gerne nackt.

Das ist EIN Aspekt meiner Persönlichkeit. Aber mich deswegen aufs Nacktsein zu beschränken, würde mich selbst vermutlich am meisten langweilen, weil ich auch ein kreativer Kopf bin. Ich finde es super, meine Kunst mit der Darstellung meiner Nacktheit zu kombinieren. Muss aber auch nicht immer sein.

Ich kann auch komplett angezogen sehr zufrieden sein, zum Beispiel wenn ich mit den Menschen zusammen bin, die mir etwas bedeuten. Oder wenn ich spazieren gehe. Oder wenn ich Motorrad fahre.

Habt ihr schon einmal versucht, nackt Harley zu fahren? Mir brutzelt mein Auspuff die Haut vom Fleisch meiner Beine, wenn ich nur mit kurzer Hose drauf sitze. Wenn ich mit nacktem Popo fahren würde, könnte ich nicht einmal mehr sitzen. Ich müsste auf und nieder hüpfen, weil das Leder meines Sitzes echt heiß wird, wenn die Harley nur für kurze Zeit in der Sonne steht.

Ich verstehe ja, dass Schubladendenken manchmal ganz hilfreich ist, um sich in einer Welt voller Unwägbarkeiten überhaupt orientieren zu können. Und Begriffe sind toll, wenn man sich ganz schnell mit Menschen aus dem gleichen sozialen Umfeld verständigen will!

Ich habe zum Beispiel die Motorrad fahrenden Menschen aus meinem Bekanntenkreis im Telefonbuch einfach unter „Buell – Maxi“, „Honda-Lena“, „Harley – Chris“ oder „Knieschleifer“ abgespeichert. Meine Bekannten handhaben das ebenso. Wenn jetzt also die Rede von „Harley-Chris“ ist, wissen wir alle, wer gemeint ist. (In meiner Telefon - App führt das übrigens dazu, dass der Buchstabe "H" eindeutig den meisten Raum belegt)

Typisierungen werden nur bedenklich, wenn sie dazu führen, dass in den öffentlichen Diskursen mit Stereotypen um sich geschmissen wird. Feministische Frauen sind meistens „schlecht gebumste, miese, hässliche Schabracken, die man nicht mal mit einer Pinzette anfassen würde“, weiße, alte Cis – Männer triefen nur so vor toxischer Männlichkeit, Menschen, die sich NICHT impfen lassen möchten, sind alle Verschwörungstheoretiker, Menschen, DIE sich impfen lassen, sind alle linientreue Herdenschafe, dicke Menschen sind undiszipliniert, Hartz-IV Empfangende sind faul, die Deutschen immer pünktlich….

Irgendwann könnte ja mal aus einer einzelnen Schublade, in die wir einen Menschen in den ersten hundert Millisekunden gesteckt haben (- so lange beziehungsweise so kurz dauert es nach wissenschaftlichen Erkenntnissen, bis in uns ein ganzes Bewertungsmuster abgelaufen ist, und angeblich dauert es überhaupt nur insgesamt 90 Sekunden, bis dieses Bewertungsmuster sich dann für immer und ewig verfestigt hat!), eine Kommode mit MEHREREN Schubladen werden.

Eine meiner Schubladen ist übrigens leer. Das ist die Schublade, in die ich mich selber gern mal stecke. Aber heute bin ich rausgehüpft.

Und da ich weiß, dass uns das Schubladendenken wohl noch ein Weilchen begleiten wird, stelle ich mich lieber erstmal als „Antje, Mensch“ vor.

Und verbleibe mit den Worten Udo Lindenbergs: „Weil’s eh schon schwer genug ist, einfach nur ich zu sein….“ (Plan B).

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