Annalena Baerbock, das Gendersternchen und Nippelalarm



Manchmal wundere ich mich schon darüber, was die Medien zu ihrem erklärten Lieblingsthema erheben. (Ich als Social Media – Nutzerin gehöre natürlich dazu, was die Sache ein bisschen paradox macht).

Monatelang schien es, als gäbe es nichts, was die Menschen mehr bewegen würde als das Gendersternchen. Nun ist auf einmal Annalena Baerbocks Buch DAS Thema, das gefühlt einer ganzen Nation schlaflose Nächte bereitet: Sind die Ungenauigkeiten und ausgelassenen Quellenangaben nun schon ein Plagiat oder nicht, und KANN, nein DARF SO EINE ÜBERHAUPT KANZLERIN WERDEN?

Selbst Löw und seine nicht besonders mannschaftlich spielende Mannschaft haben es nicht geschafft, soviel Aufmerksamkeit zu generieren wie Annalena Baerbocks Buch. Denn schließlich hängt die Zukunft Deutschlands von dieser einen Frage ab. Mindestens. Oder etwa nicht?

Vielleicht lebe ich in einem Paralleluniversum, aber dann zum Glück mit einem ganzen Haufen anderer Menschen, für die weder Annalena Baerbocks Buch noch das Gendersternchen eine überlebenswichtige Rolle spielen.

Die meisten Menschen, die ich kenne, denken eher darüber nach, ob es sich lohnt, ihrem Kind eine teure Monats-Fahrkarte zu kaufen, wenn doch die Schulen höchstwahrscheinlich in einer Woche schon wieder geschlossen werden. Oder wie sie mit dem geringeren Einkommen haushalten sollen, das ihnen nun durch die erzwungene Kurzarbeit zur Verfügung steht. Falls sie ihren Beruf überhaupt noch ausüben können. Oder sie kümmern sich um die ganz alltäglichen Dinge des Lebens.

Und auch die trans Menschen in meinem Bekanntenkreis haben andere Probleme. Sie sind zum Beispiel mit der Frage beschäftigt, ob sie sich operieren lassen möchten oder nicht. Oder ob sie sich von einer Kinderpsychologin beraten lassen sollten, um ihren Kindern auf die bestmögliche Weise zu vermitteln, dass Papi jetzt eine Frau sein möchte. Sie haben Angst ums Sorgerecht oder davor, ihren Job zu verlieren.

An alle Dogmatiker, egal ob von rechts oder links: es nützt nichts, die eine Religion durch eine andere zu ersetzen.

Ich kann diese polemisch aufgebauschten Statements zum Gendersternchen nicht mehr lesen, weil sie so sehr von den wichtigen Themen ablenken.

Ja, Sprache formt Denken. Ich zumindest kann nur in Sprache denken. Und solange es noch Ungerechtigkeiten wie das Gender Pay Gap gibt, ist es wichtig, darauf aufmerksam zu machen. Aber dann bitteschön auch, um etwas zu verändern. Wir aber drehen uns seit Monaten im Kreis, beziehungsweise um ein Sternchen herum.

Dabei gehören weder diejenigen, die das Gendersternchen nicht benutzen möchten, als „moralische Neandertaler“ verteufelt, noch bedeutet die Benutzung des Gendersternchens den Untergang des Abendlandes.

Denn Sprache verändert sich nun mal. Und Menschen passen ihre Sprache an. Auch der vielfach als Vorzeigedeutscher bemühte Goethe hat seinerzeit seine Sprache den Gepflogenheiten der feineren Gesellschaft angepasst und sie verändert. Mühsam befreite er sich von seinem hessischen Dialekt und lernte Sächsisch, weil das seit Luthers Bibelübersetzung als die deutsche „Hochsprache“ galt. Wir können uns also entspannen, denn Goethe hat daraufhin wunderbare Werke erschaffen, obwohl oder weil er nun „meissnerisch“ gesprochen hat.

Um noch einmal auf Annalena Baerbocks Buch zurückzukommen (aber dann ist auch Schluss!): Ein bisschen kommt es mir so vor, als würden nun einfach einige Journalisten die durchaus auch selber gern mal moralisierenden Grünen hämisch als „Normalbürger“ „entlarven“ wollen. Das ist kleinkariert. Und lenkt von den Themen ab, um die es eigentlich gehen sollte.

Und last but not least gebe ich gerne zu: Es ist auch nicht sooooo wichtig, ob Frauen ihre Nippel zeigen dürfen oder nicht, wie ich euch gern manchmal glauben lassen möchte….



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